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Absurde Fragen im Bewerbungsgespräch

Foto: pixelfit, istockphoto

Der Spiegel erregte auf seinen Online-Karriereseiten mit einer provokativen Headline meine Aufmerksamkeit: Absurde Fragen im Bewerbungsgespräch – „Sind Sie sexuell aktiv?“. In dem konkreten Beitrag geht es um eine Studie des Marktforschungsinstituts Respondi im Auftrag des Dienstleistungsunternehmens Viasto, die besonders absurde Fragen ermittelt hat.

>> Wenn mit Fragen persönliche Grenzen überschritten werden.

Selbst mich, die ich seit 15 Jahren Führungskräfte bei ihrer beruflichen Neuorientierung begleite und auch auf Bewerbungsgespräche vorbereite, haben die im Artikel aufgelisteten Fragen sprachlos gemacht: „Würden Sie sich von Ihrem Partner trennen, um weiterzukommen?“, „Würden Sie für einen guten Job auf Familie und speziell auf Kinder verzichten?“, „Warum sind Sie nicht verheiratet?“, „Wer sollte zuerst sterben: Ihre Mutter oder Ihr Vater?“, „Sind Sie momentan sexuell aktiv?“ ist nur eine Auswahl. Wer alle Fragen nachlesen möchte, möge hier klicken.

Mit solchen Fragen werden persönliche, zu schützende Grenzen überschritten. Ich empfinde solche Fragen als respektlos, beschämend und in den meisten Fällen auch diskriminierend. Und daher habe ich auch eine ganz klare Meinung zur Reaktion auf diese Fragen: nicht beantworten! Am besten aufstehen und gehen, um Ihre Würde und Ihren Selbstwert zu schützen. Zumindest die Antwort: „Diese Frage will ich nicht beantworten.“. Bei etwas mehr Mut die Ergänzung: „Ich halte diese Frage für unangemessen.“.

>> Wenn mit Fragen die Unternehmenskultur ihr wahres Gesicht zeigt.

Oftmals rechtfertigen die Interviewer diese Fragen mit Erklärungen wie „Damit teste ich nur die Stressresistenz des Bewerbers.“, „Damit prüfe ich, wie der Bewerber in unangenehmen Situationen reagiert.“ oder „Ich will auch etwas über den Privatmenschen erfahren, seine Einsatzbereitschaft und seine Bereitschaft, alles für unser Unternehmen zu geben.“. Das sind für mich alles Scheinargumente! Damit erfährt niemand das, was er angeblich erfahren will. Weil die allermeisten Bewerber Antworten vortragen werden, von denen sie meinen, dass sie die „richtigen“ – also gewünschten – Antworten sind. Wie jemand kritische, unangenehme und auch peinliche Situationen bewältigt, kann offen angesprochen werden, idealerweise an einem ganz konkreten, beruflichen Fall. Dann aber mit Respekt und auf Augenhöhe. Und die Reaktion auf unangenehme, gar peinliche Situationen dürfen überhaupt nur Unternehmen erörtern, die einen Grund hierfür haben. Das wären Firmen, deren Branche oder konkretes Geschäftsmodell es wahrscheinlich machen, dass dieser Bewerber in seiner späteren Funktion in solche Verlegenheit geraten könnte – was jedoch nicht in vielen Unternehmen der Fall sein dürfte.

Meine Erfahrung ist: Wer mit solch respektlosen Fragen arbeitet, zeigt das wahre Gesicht der Unternehmenskultur. Da können vorher noch so schöne Aussichten über die Aufgabe, das Team und die Firma erzeugt worden sein: Mit diesen Fragen ist alles hinfällig. Auch die Ausrede, es läge vielleicht ausschließlich an der Persönlichkeit des Fragenden, also gar nicht an der Firma, ist für mich nicht zulässig. Wenn ein Unternehmen einen Verantwortlichen aus seinen Reihen oder eine beauftragte Beratung die tatsächliche oder vermeintliche Machtposition ausnutzen lässt und derart respektlos, ja die Menschenwürde verletzend, künftige Mitarbeiter befragen und auswählen lässt, sagt das sehr viel über die Kultur des Unternehmens. Und zwar nur Schlechtes!

Stellen Sie sich also respektlosen, demütigenden oder diskriminierenden Fragen auf jeden Fall mit Rückgrat entgegen. Nur so sorgen Sie dafür, dass Sie im Job mit Respekt bekommen und auf Augenhöhe arbeiten können. Und persönlich nicht Schaden nehmen. Denn, wenn Sie sich das gefallen lassen, werden Sie vermutlich noch lange an dieser Demütigung tragen. Und damit werden Sie im Job nicht erfolgreich sein.