Allgemein

Berufliche Neuorientierung 2021 – langsamer, bewusster und erfolgreich

„Was glauben Sie, wie es in diesem Jahr weitergeht?“, fragte mich eine geschätzte Kollegin bei unserem Austausch zum Jahresstart. Ihre Frage bezog sich auf unsere Arbeit als Karrierecoach. Die gleiche Frage stellen mir meine Klienten mit Blick auf die Entwicklungen am Arbeitsmarkt. Und auch meine beiden schulpflichtigen Kinder hätten gerne eine Antwort auf diese Frage – nur bezogen auf die Schule. Leider habe ich keine Glaskugel, die mir zuverlässige Antworten liefert. Und das vergangene Jahr hat mich gelehrt, dass die Unsicherheit eine bestimmende Konstante in unserem Leben geworden ist. Dennoch habe ich Eindrücke und Erfahrungen im letzten Jahr gesammelt, die mir zeigen, dass es gut weitergeht und wir optimistisch sein sollten.

>> Anders und doch erfolgreich.

In meiner Arbeit als Karriereberater habe ich im abgeschlossenen Jahr beobachtet, dass sich bei der beruflichen Neuorientierung einiges geändert hat, vor allem:

  • Die durchschnittliche Suchzeit betrug eher neun als sechs Monate.
  • Es wurden wesentlich mehr Videogespräche als persönliche Gespräche geführt.
  • Die in neuen Führungspositionen erzielten Gehälter waren nur in einigen Fällen geringer als zuvor.
  • Die Nachfrage nach Führungskräften im Vertriebsmanagement war, im Gegensatz zu vielen Jahren davor, größer als im technischen Management.
  • Im Frühjahrs-Lockdown war die Direkt-Ansprache per Mail wirkungsvoller als per Brief, danach war es wieder wie gewohnt umgekehrt.
  • Bei den Personalberatern gab es deutlich weniger Suchmandate und damit stieg die Erfolgsquote über die Direktansprache von Firmen an.

Das Gute bei all diesen Veränderungen in unserer Karriereberatung ist: Es wurden und werden weiterhin Führungspositionen besetzt. Sprich unsere Klienten bekamen und bekommen neue Verantwortungen zu attraktiven Konditionen und in einer überschaubaren Zeit – unsere Methode der aktiven Ansprache funktioniert auch in der Krise weit besser als die Fokussierung auf ein mehr oder weniger großes Kontaktnetz. Finale Gespräche, z. B. das mit dem Unternehmenseigentümer zur Vertragsverhandlung, wurden nach wie vor persönlich geführt. Denn bei allen Veränderungen im Ablauf der Stellenbesetzung, kann nichts das persönliche Gespräch ersetzen. Dazu gehört auch, das Firmengebäude – und bei technischen Führungsaufgaben auch die Produktion – von innen zu sehen.

Rückblickend – und vermutlich auf die Zukunft übertragbar – lässt sich sagen: Da für beide Seiten – Unternehmen und Manager die Unsicherheit größer war – wurde der Prozess für und die Auswahl von C-Level-Positionen langsamer und vorsichtiger geführt.

>> Die Frage nach dem Sinn wird ernster genommen.

Die Themen „Bewusstsein“ und „Sinn“ haben im letzten Jahr mehr an Bedeutung gewonnen. Wir haben erheblich mehr Anfragen von Interessenten bekommen, die in ungekündigter Führungsposition waren und sich aktiv verändern wollen. Ja, trotz Corona-Krise! Auslöser waren meist diese Frage: „Was hält mich in meiner jetzigen Aufgabe? Was hält mich in meiner jetzigen Firma? Wie sinnvoll ist das, was ich tue?“. Lockdown und Homeoffice haben zu mehr Abstand zum Unternehmen, mehr Zeit mit der eigenen Familie, mehr Reflexion und mehr Bewusstheit geführt. Für einige Manager bot dies wieder, manchmal erstmalig die Chance, über den Sinn ihrer Arbeit und damit ihres Lebens nachzudenken. Die Chance, ein (Sich-)Selbst-Bewusstsein zu schaffen. Auf meine Frage, was sich die Führungskraft vom zukünftigen Job wünschen, kam mit hoher Wahrscheinlichkeit:

  • wieder gestalten können
  • Wertschätzung bekommen
  • aus dem restriktiven Reporting-Kreislauf rauskommen
  • in nachhaltigen Branchen arbeiten
  • mehr Zeit für sich selbst und / oder die Familie haben
  • die Welt ein bisschen besser machen

In einer Gesellschaft, in der das „höher, schneller, weiter“ die einzig legitime Maxime zu sein schien, geben diese Bewusstwerdungsprozesse Hoffnung, dass diese Krise doch ihre guten Seiten hat und zu einer Veränderung von Führungs- und Unternehmenskultur diesem gewünschten gewünschten Sinne führen wird. Und wer – neben den Gesellschaftern – wäre zuerst in der Lage, diese veränderten Ziele durchzusetzen, wenn nicht die Führungskräfte?

>> Nicht höher, schneller, weiter, sondern langsamer, bewusster und menschlicher.

Die vermehrten Sinn-Fragen bereichern meine Arbeit als Karriereberater. War es doch schon von jeher unser Beratungsziel, für unsere Klientinnen und Klienten eine neue Führungsaufgabe zu finden, die Freude bereitet und zufrieden macht sowie mit privaten Zielen gut vereinbar ist. Wer nur die Maximierung seines Gehaltes verfolgt, für den sind wir die falschen Berater. Daher stelle ich bereits in jedem Erstgespräch die Frage: „Was würden Sie sich für Ihren neuen Job wünschen, wenn ich eine gute Fee wäre und Sie drei Wünsche frei hätten? Auch wenn ich leider keine gute Fee bin…“ Die häufigsten Reaktionen sind neben einem spontanen Lachen die Aussage: „Das kann ich jetzt gar nicht so genau sagen.“ Dann erkläre ich, dass es mir gar nicht auf eine ausgefeilte Antwort ankommt, die wäre ja Inhalt der Beratung. Ich würde gerne einfach die spontanen Wünsche wissen. Und dann sprudelt es doch heraus, meist mit einer kraftvollen und begeisterten Stimme. Ich weiß an diesem Punkt des Gespräches bereits, ob eine Zusammenarbeit passen kann.

Seit Frühjahr letzten Jahres, also seit Beginn der Corona-Krise frage ich auch bewusst nach, wie diejenige oder derjenige mit dem veränderten Leben umgeht. Am häufigsten kommt dann das Thema „Kinder und Schule“ zur Sprache – auch weil ich es als Mutter zweier schulpflichtiger Kinder konkret anspreche. Es ist schön zu erleben, dass bei aller Belastung durch Home-Office und Home-Schooling die meisten viel mehr von ihren Kindern mitbekommen und dies auch bewusst genießen können. Und für die, die keine Kinder (mehr) betreuen, gilt ganz ähnliches bezüglich ihres Lebenspartners, ihrer Lebenspartnerin oder anderer ihnen wichtigen Personen.

Ich habe kurz vor Weihnachten den 3D-Holzschnitt, den Sie auf dem Foto sehen, entdeckt und gekauft. Er hängt jetzt in meinem Beratungsbüro über dem Besprechungstisch. Er erinnert mich und meine Klienten immer wieder daran, dass es nur so für uns alle besser wird: Nicht höher, schneller, weiter, sondern langsamer, bewusster und menschlicher.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen Kraft, Optimismus und Selbst-Bewusstsein für 2021!