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Den richtigen Job finden: Informationen, Augenhöhe und Bauchgefühl

Woran liegt es, dass Manager bei der Auswahl ihrer neuen Führungsaufgabe manchmal „danebengreifen“? Und einen Job oder ein Unternehmen auswählen, die sich in der Praxis als unpassend entpuppen? Dabei hätten sie oftmals eine Alternative gehabt.

>> Gute Gründe für einen Jobwechsel.

Ein typischer Fall in unserer Beratungspraxis ist: Der Manager war viele Jahre bei ein und demselben Unternehmen und hat dort einen beachtenswerten Karriereweg beschritten. Doch in den letzten ein bis zwei Jahren hat sich etwas zu viel Routine breitgemacht und die Sehnsucht nach einer neuen Herausforderung ist gewachsen. Oder der Vorgesetzte hat gewechselt und die Chemie stimmte nicht mehr. Im schlimmsten Fall hat der Manager trotz guter Erfolge die Kündigung erhalten. Im besten Fall hat ein Headhunter angerufen und mit einer neuen Führungsaufgabe gelockt. Unabhängig vom konkreten Anlass: Es gab gute Gründe für einen Jobwechsel! Der dann auch vollzogen wurde.

Und maximal nach zwei durchgehaltenen Jahren ruft dieser Manager bei uns an. „Warum möchten Sie sich verändern?“ ist eine meiner ersten Fragen. Und die Antwort lautet in diesen Fällen: „Ich habe den falschen Job und / oder das falsche Unternehmen gewählt“. Meine nächste Frage ist: „Haben Sie eine Idee, warum das passiert ist?“

>> Gute Gründe für einen Fehlgriff.

Neben fast verzweifelten Argumenten wie „Ich war unter Zeitdruck und habe das erst beste Angebot genommen.“ und „Ich hatte Sorge, dass ich gar nichts mehr bekomme, wenn ich dieses Angebot abgelehnt hätte.“, gibt es auch den selbstbewussten Grund: „Der Personalberater hat mir den Job in den schönsten Farben beschrieben und ich wollte diesen nächsten Karriereschritt gehen“.

Egal ob verzweifelte oder selbstbewusste Entscheidung: Es ist dann doch die falsche gewesen. Und bei genauerem Nachfragen zeigen sich schon fast typische Muster für die falsche Wahl: Es fehlten wichtige Informationen, die notwendige Augenhöhe und die Berücksichtigung des Bauchgefühls.

>> Gut überlegte Fragen.

Fragen dienen der Informationsgewinnung und der Vervollständigung der Entscheidungsbasis. Denn Entscheidungen unter Unsicherheit sind riskant, und mit höherer Wahrscheinlichkeit führen sie zu einer Fehlentscheidung. Machen Sie sich idealerweise eine Liste der zu stellenden Fragen. Welche Fragen empfehlen sich?

Grundsätzlich solche, die das Unternehmen als Ganzes betreffen, und solche, die die Verantwortung und Funktion betreffen, um die es konkret geht. Hier ein paar in der Praxis entwickelte Anregungen:

• Was ist das Geschäftsmodell?

• Warum kommen Kunden zu diesem Unternehmen?

• Was sind die Erfolgsfaktoren des Unternehmens? Worauf lässt sich in der Zukunft aufbauen?

• Wie ist die Geschäftsentwicklung der letzten Jahre (Umsatz, Ertrag, Mitarbeiter)?

• Wo will das Unternehmen in den nächsten fünf Jahren stehen?

• Welche Position nimmt das Unternehmen in der Branche ein? Wie stehen Wettbewerber da?

• Wie ist das Image des Unternehmens?

• Was sind die Herausforderungen der nächsten Jahre für das Unternehmen? Und der zu besetzenden Position? Was die wichtigsten Projekte?

• Welche Bedeutung hat der Geschäftsbereich und die Position für das Gesamtunternehmen?

Im richtigen Ton gestellt, zeigen Sie mit diesen Fragen ernsthaftes Interesse und lassen erkennen, dass Sie sich in die Verantwortung hineindenken und wissen wollen, was zu erwarten wäre. Und Ihr Gegenüber hat die Chance – und gewissermaßen auch die Pflicht – mit seinen Antworten, um Sie zu werben sowie Ehrlichkeit und Offenheit zu zeigen.

Oftmals erklären mir gestandene Führungskräfte, wenn ich sie zu solch klärenden Fragen auffordere, dass sie sich dann zu forsch und fordernd fühlen. Das wäre doch einer Bewerbung um einen Job nicht angemessen. Vielmehr solle man sich doch gut verkaufen. Meine durchaus provokative Gegenfrage lautet: „Wenn Sie sich gut verkauft haben, wem gehören Sie denn dann?“. Mit dieser Frage will ich bei meinem Klienten einen Perspektivenwechsel erreichen! Es geht nicht darum, eine Rolle zu spielen, um diesen einen Job zu bekommen. Denn diese Rolle müssten Sie dann über Jahre weiterspielen. Das ist ganz weit weg von Authentizität, Augenhöhe und eigenen Werten. Das ist Täuschung – sowohl gegenüber dem Unternehmen als auch sich selbst!

>> Gute Gründe für Augenhöhe.

Dabei geht es nicht nur um Vermeidung von Rollenspielen und Täuschung. Es geht um Augenhöhe! Augenhöhe bedeutet, wechselseitig die Motivation zu erforschen. Natürlich ist es legitim, dass das Unternehmen Ihre Motivation, die Aufgabe gegebenenfalls zu übernehmen, kennen möchte – übrigens erst im persönlichen Gespräch, nachdem viele Fragen und Rahmenbedingungen zur konkreten Stelle bereits erörtert wurden. Das bedeutet, dass Sie Fragen wie „Warum glauben Sie, dass Sie der Richtige für diese Aufgabe sind?“ kurzerhand zurückweisen sollten, wenn sie zu Beginn der Gespräche gestellt werden: „Das weiß ich noch nicht, deshalb sitzen wir hier zusammen, um dies herauszufinden.“ Lassen Sie sich nicht in die Defensive drängen und nicht klein machen! Sie sind kein Bittsteller, sondern eine erfahrene Führungskraft!

Wechselseitige Motivationsergründung heißt damit auch, dass Sie als potenziell neue Führungskraft dieses Arbeitgebers berechtigt sind, im persönlichen Gespräch die Motivation der Unternehmensvertreter zu ergründen. Sie sind hierzu nicht nur berechtigt, sondern geradezu verpflichtet, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, die richtige Entscheidung für Sie selbst und das Unternehmen zu treffen. Der Schaden einer Fehlbesetzung auf oberer Managementebene ist in aller Regel beachtlich. Dabei stehen meist der Zeitverlust und Imageschaden sowie die „Unruhe“ innerhalb der Führungsmannschaft und der betroffenen Mitarbeiter des Unternehmens im Vordergrund. Der persönliche Schaden, der einem C-Level-Manager zugefügt wird, der seine Entscheidung für das Unternehmen auf unzureichender, womöglich falscher Grundlage trifft, ist ebenfalls sehr hoch, vielleicht sogar existenzbedrohend, wenn die Zusammenarbeit kurzfristig aufgekündigt wird. Hinzu kommt manchmal noch ein Karriereknick oder Einkommensverluste.

Wir hatten schon Klienten, die mit Chuzpe und ehrlich interessiert gefragt haben, warum der Gesprächspartner auf ihre Initiativbewerbung geantwortet hat: „Was hat Ihnen an meiner Bewerbung so gut gefallen, dass sie mich eingeladen haben?“ Diese „Umkehrfrage“, freundlich formuliert, demonstriert Augenhöhe par excellence.

Nun halten einige dagegen: „Die Firmen täuschen, übertreiben und verheimlichen doch auch!“ Ja, leider! Denn auch die Firma muss dann mit den Konsequenzen ihrer Täuschung leben: im schlimmsten Fall eben mit einer Fehlbesetzung oder hoher Fluktuation. Aber wenn Sie selbst Ehrlichkeit und Authentizität praktizieren und höflich zutreffende Informationen einfordern, wird die Entscheidungsbasis deutlich besser.

Mit durch Augenhöhe gewonnenen Informationen wird aus einem einseitigen Bewerbungsinterview ein wechselseitig nutzenstiftendes Gespräch, das Klarheit und Vertrauen schafft.

>> Gute Gründe für das Bauchgefühl.

Ein weiterer häufig genannter „Klassiker“ für den Fehlgriff ist: „Ich habe nicht auf meinen Bauch gehört. Das hat sich von Anfang an komisch angefühlt. Ich habe es verdrängt und mich auf die genannten Fakten konzentriert“. Selbstverständlich wird von einer Führungskraft erwartet, dass sie faktenbasiert entscheidet. Emotionale Achterbahn-Entscheidungen sind weder für den Manager noch fürs Unternehmen tragbar. Und sollte es dann doch zur Übernahme der Führungsaufgabe kommen, werden die Mitarbeiter unter diesem „Entscheidungsmuster“ leiden.

Es ist ein Irrtum, dass sich Gefühle und Professionalität widersprechen oder sogar ausschließen. Kein Mensch ist frei von Emotionen. Eine unerlässliche Eigenschaft wie Vertrauen kann sich nur herausbilden, wenn Sie auf Ihr Gefühl hören. Dabei ist zu beachten, dass sich das Bauchgefühl erst mit zunehmender Erfahrung entwickelt, so dass Sie im Endeffekt mit einer Bauchentscheidung wie bei rationalen Entscheidungen auch auf angesammeltes Wissen zurückgreifen. Und gestandene Führungskräfte haben viele Erfahrungen gesammelt, die das Bauchgefühl als wichtigen Mit-Entscheider rechtfertigen. Einer unserer Klienten formulierte es aus unserer Sicht sehr treffend: „Bei meiner Entscheidungsfindung frage ich der Reihe nach Bauch, Kopf, Bauch. Damit bin ich immer gut gefahren“.

Eines der Kernthemen unsere Beratung ist daher: Vorher herausbekommen, was Sie nachher erwartet! Wir sind der festen Überzeugung, dass Sie den Auswahlprozess nutzen sollten, um hinter die Kulissen und, so gut es eben geht, hinter die Stirn der Gesprächspartner zu schauen. Mit valideren Informationen, Augenhöhe und Bauchgefühl lässt sich die Wahrscheinlichkeit erhöhen, die richtige Wahl für sich zu treffen.

Wie Sie das Bewerbungs- und Auswahlverfahren um Führungspositionen erfolgreich gestalten können, beschreiben wir in unserem Buch „Die CEO-Auswahl“ (Verlag Campus, 2020).

Mit besten Grüßen

Nane Nebel