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Wie gehe ich mit Misserfolgen um? – Offen, realistisch und positiv!

Unsere Methode der beruflichen Neuorientierung fokussiert sich auf die Erfolge unserer Klienten. Allerdings bekomme ich in neun von zehn Fällen zu hören: „Ich sehe bei mir nur das, was nicht geklappt hat. Meine Erfolge zu beschreiben, fällt mir schwer.“

>> „Eigenlob stinkt!“ – Nein!

Schon in der Kindheit haben viele von uns diese Redensart allzu oft gehört. Was man uns damit suggeriert hat, war: Sich selbst zu loben ist schlecht. Wer sich selbst übermäßig stark lobt, macht sich unbeliebt. Passend zu dem Spruch „Bescheidenheit ist eine Zier“. Doch diese Redensart geht – zwar grammatikalisch falsch, dafür aber gereimt – schön weiter: „… doch besser lebt man ohne ihr“.

Dabei wissen wir alle, wie wichtig Anerkennung und Lob ist. Und gegenüber Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen bemühen sich die allermeisten Führungskräfte, die motivierende Wirkung von Lob und Anerkennung zu nutzen. Ganz bewusst, um das nächste Ziel für das Team oder das Unternehmen zu erreichen. Das scheint ganz normal. Wenn es um uns selbst geht, hapert es mit dem Selbstlob. Und die so notwendige Darstellung der Erfolge kommt uns vor, als lobten wir uns selbst. Dabei berichten wir nur darüber, was geleistet wurde.

>> Selbstlob ist übertrieben – Nein!

Die wenigsten Führungskräfte möchten überheblich oder arrogant wirken. Oftmals treibt sie jedoch nicht Angst vor der negativen Außenwirkung um. Das bekommen die meisten noch hin. Hauptproblem ist, dass viele der Manager, die ich berate, ihre tatsächlich erzielten Erfolge für selbstverständlich halten. Es sei daher überflüssig, über diese Erfolge zu reden, erklären sie mir im Brustton der Überzeugung. Die Erfolge seien also keines Lobes, nicht einmal der Erwähnung würdig. Das ist falsch! Und unklug! Anerkennung bekommen Sie nur, wenn Sie Ihre Erfolge sichtbar machen, auch die kleinen Erfolge. Und provokativ gefragt: Warum sollten Sie Ihr Gehalt bekommen? Doch nicht, weil sie tagtäglich als Manager Selbstverständlichkeiten erledigen. Und schon gar nicht, weil Sie eine solide Ausbildung haben. Sie werden für Ihre Erfolge bezahlt, für das, was das Unternehmen absichert, weiterbringt und entwickelt. Für Ihre Erfolge haben Sie Ihr Gehalt und Ihre Anerkennung verdient.

>> Erfolge sind der Schlüssel zum neuen Führungsjob!

Unternehmen interessieren sich bei ihrer Auswahlentscheidung für Führungskräfte für das, was Sie bewegt und erreicht haben. Denn nur die tatsächlich von Ihnen erzielten Erfolge geben den Unternehmensentscheidern das gute Gefühl und schließlich die Überzeugung, die Richtige oder den Richtigen einzustellen. Es ist also enorm wichtig, Ihre Erfolge darzustellen. Und zwar die Erfolge, die einem Ihrer bisherigen Unternehmen direkten oder indirekten Profit gebracht haben. Auf die geschossenen Tore kommt es an! Nicht darauf, dass Ihre Mannschaft 80 Prozent Ballbesitz und zwölf Torschüsse hatte. Dabei ist es – um im Bild zu bleiben – selbstverständlich, dass Sie ein ausgebildeter Fußballprofi sind, neunzig Minuten Vollgas geben und die Taktik des Trainers verstanden haben. Ihre Erfolge, in harten Fakten gemessen, sind entscheidend: in Toren, Assists, Tacklings, Zweikampfquote und Passgenauigkeit. Übrigens alles genau messbare Erfolge, also klassische KPIs.

>> Und wenn es denn wirklich schief gegangen ist?

Ja, ich höre die Einwände. Nach der Probezeit rausgeworfen. Firmenakquisition nicht vollzogen. Produkt ohne Markterfolg. Qualitätsmängel. Finanzkrise. Produktionsstillstand. Jeder meiner Klienten kann mir eine Liste von Misserfolgen erstellen, meist wie auf „Knopfdruck“. Diese Liste hilft jedoch nicht weiter. Es sei denn, wir gucken genauer hin. Denn bei genauem Hinsehen tragen die meisten Misserfolge auch Erfolge in sich.

Wenn Sie ein Jahr lang den Ankauf eines Wettbewerbers vorbereitet, begleitet und verhandelt haben, der Deal jedoch nicht unterzeichnet wird, weil Ihr Vorstand kurzerhand die Strategie geändert hat, dann ist das KEIN Misserfolg. Denn die Entscheidung des Vorstands lag nicht in Ihrer Hand. Der gesamte Prozess bis zum unterschriftsreifen Vertrag allerdings schon. Und das ist ein klarer Erfolg! Wenn Sie erfolgreich Produkte im Bereich Neue Energien entwickelt und Kunden dafür akquiriert haben, sich jedoch plötzlich die gesetzlichen Vorschriften ändern oder Subventionen gestrichen werden, dann ist das KEIN Misserfolg. Denn Sie haben bewiesen, dass Sie Produkte entwickeln und an den Kunden bringen können. Wir schauen viel zu oft und zu sehr auf das END-Ergebnis, nicht auf die vielen Schritte und Teilerfolge davor. Eine Fußballmannschaft ist doch nicht nur dann erfolgreich, wenn sie Deutscher Meister oder DFB-Pokalsieger wird. Das Erreichen des DFB-Pokal-Halbfinales ist für eine Mannschaft aus dem mittleren Tabellendrittel ein großer Erfolg.

Und sollten Sie wirklich vollkommen danebengegriffen haben, also den Ball nicht ins Tor, sondern in die Fensterscheibe geschossen haben, dann gehen Sie damit offen um. Niemand kann im Rahmen der Bewerbungsgespräche und Verhandlungen hundertprozentige Transparenz schaffen, was er im neuen Job erleben wird und bewegen kann, was in der Funktion so ganz genau erwartet wird, und ob Job und Firma wirklich passen. Sie werden immer unter Unsicherheit entscheiden und ein Risiko eingehen. Wie übrigens derjenige, der Sie einstellt, auch. Deshalb können „Fehlgriffe“ mal passieren. Sollte Ihnen jemand einen solchen „Fehlgriff“ oder irgendeinen anderen Misserfolg übel nehmen und zur Gesamtbeurteilung heranziehen, dann sollten Sie von diesem Arbeitgeber „die Finger lassen“. Denn diese Einstellung und die damit einhergehende (Un-)Kultur werden genauso bleiben. Und damit wäre dann wohl der nächste „Fehlgriff“ vorprogrammiert.

>> Eigenlob ist unverzichtbar! – Ja!

Gehen Sie also mit sich selbst offen und zugleich realistisch und positiv um. Das erfordert einen Perspektivenwechsel. Betrachten Sie Ihre bisherigen Aufgabenstellungen im Prozess der Abarbeitung, um so Teilziele auf ihren Erfolg abzuprüfen. Ich bin mir sicher, dass Sie einiges finden werden. Prüfen Sie bei einem von Ihnen wahrgenommenen Misserfolg, ob Sie tatsächlich verantwortlich waren, also selbstwirksam. Oder hat jemand anders Entscheidungen getroffen, die Ihren Einfluss und damit Ihren Erfolg unmöglich gemacht haben? Oder waren die Ziele vielleicht zu hoch gesteckt und Ihr „Misserfolg“ wäre gemessen an den Entwicklungen des Wettbewerbs durchaus ein Erfolg? Und wenn Ihnen dieses persönliche Prozess-Erfolgsdenken schwer fällt, dann suchen Sie sich einen Sparringspartner, der Ihnen hilft, Ihre geschossenen Tore zu finden. Damit Sie mit Ihrem Erfolgsbeweis einem neuen Verein finden, bei dem Sie zu neue Torchancen kommen.

Und nehmen Sie Ihre Misserfolge ab und an mit Humor. Um es mit Jürgen Klopp zu sagen: „Wir haben uns soeben entschieden, den Verein nicht aufzulösen, obwohl wir unentschieden gespielt haben.“